Romantische Landschaft mit Menschenopfer

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Dienstag, 15. Dezember 2009

Die Eliten und die Bildung II.


Münchhausens neuestes Kunststück, vorgeführt anhand der Lage des Pferdes.


Meditationen über die mögliche intellektuelle Zukunft einer im Generationenverhältnis sich historisch reproduzierenden Population.

Als Münchhausen sich mittels seines eigenen Haarschopfes bzw. des nach vorne umgeschlagenen Zopfes aus dem Sumpf heraus zog, in den er geraten war, war er nicht allein. Er war zu Pferde unterwegs gewesen, und es ist nicht gesagt, dass er der Ansicht war, das Pferd sei verantwortlich dafür, dass beide in den Sumpf gerieten. Es ist aber weniger bekannt, dass er zu Pferde unterwegs war. Die Kolportage kennt nur den Umstand, dass er sich mittels seines Zopfes aus dem Sumpf zog. Vollständiger ist die Geschichte erzählt, wenn man das Reittier auf dem er saß, mit in die Betrachtung einbezieht. Er klemmte nämlich entschlossen seine Schenkel um den Bauch des Tieres zusammen und zog nicht nur sich, sondern auch sein Reittier auf die von ihm überlieferte Art und Weise aus der problematischen Lage. Dabei war er schon so weit in dem Morast versunken, dass das Pferd schon in akuter Lebensgefahr des Erstickens gewesen ist. Denn es heißt ja, dass nicht nur sein Pferd – eigentlich ist von dem Pferd nur am Rande die Rede, und in der Kolportage ist es auch untergegangen, d.h. aus dem Bewusstsein der Überlieferung verschwunden – sondern vielmehr der Baron Münchhausen in den Sumpf geraten und darin unterzugehen drohte. Also musste das Tier, auf dem er saß, schon weitgehend in den Sumpf hineingeraten gewesen sein, und es ist nur eine Frage der Nuance, in welchem Augenblick ein Maler oder Filmemacher die Situation festzuhalten für dramatisch am wirkungsvollsten hält, ob man meint, die Nase des Pferdes müsse noch herausgesehen haben oder schon untergetaucht gewesen sein. Denn sonst hätte man sagen müssen, nicht der Baron Münchhausen, sondern sein Pferd sei in den Sumpf geraten gewesen, und er hätte ganz undramatisch absteigen und das Pferd sich selbst überlassen können, falls man nicht auf den gewiss mutigen, aber kaum dramatischen Gedanken verfallen will, zu sagen, er habe eigentlich nur sein Pferd aus dem Sumpf gezogen durch seine eigentümliche Technik, also als Tierliebhaber gehandelt, und nicht aus akuter Lebensgefahr für ihn und nur insofern auch und, weil er eben darauf saß, zuvörderst sein Reittier. War es aber so, dass tatsächlich er, der Baron Münchhausen in den Sumpf geraten war und in akuter Lebensgefahr war, und daher aufgrund der Umstände der Situation eben noch mehr als er oder zunächst auch sein Reittier, dann war das Reittier tatsächlich in größerer Gefahr als er selbst. Das ist aber nach dem, was wir wissen, die wirkliche Situation, mit der wir uns befassen müssen. Anders gesagt: Uns interessiert besonders die Lage des Pferdes. Wir können das Pferd aber nicht selbst befragen. Die Überlieferung verweist uns an die Glaubwürdigkeit und den persönlichen Bericht das Barons von Münchhausen. Wären wir etwa in der Lage, dass wir in einem Wirtshaus zur Nacht einkehrten und es käme der Baron Münchhausen auf seinem Pferd geradewegs vom Sumpf her geritten, den wir des anderes Tages zu durchqueren noch vor uns hätten, dann könnten wir das Pferd befragen. Und es könnte die Glaubwürdigkeit des Berichts durch seine eigene Erzählung als betroffenes Reittier noch erhöhen, vorausgesetzt es geschähe ein Wunder und es begänne zu reden. Aber so wie die Dinge liegen, sind wir auf die Reputation des Reiters verwiesen und auf seine Wahrhaftigkeit und die Korrektheit seiner Wahrnehmung der Situation, die er wiedergibt sowie auf seine sonstige Kompetenz als Teilnehmer an einem Sprachspiel und einer Lebensform, wie das ein bekannter Zeitgenosse und Freund des Barons so schön formuliert hat.

Betrachtet man die rhetorische Oberfläche der augenblicklichen Diskussion um die intellektuelle Zukunft der Population dieses Landes, die sich dem Problem stellen angesichts einer weltweiten Entwicklungstendenz der industriellen Zivilisation, dann fällt zunächst die eigentümliche Verschiebung des Diskussionsschwerpunktes auf von dem Zeitpunkt an, an dem sie eingesetzt hat. Das ist aber nicht genau genug. Man muss vielmehr zunächst sehen, dass schon ihr Einsetzen selbst eine Reaktion ist, die in dieser Reaktion zugleich die Formulierung des Themas derart vornimmt, dass sich sogleich die erste Verschiebung ergibt, die die Diskussion ablenkt von dem Problem, auf das sie reagiert, indem sie es auf eine eigentümliche Weise umbiegt und zurechtschneidet, um die Debatte auf eine bestimmte Art zu kanalisieren.

Das kennt man aus anderen Kontexten zur Genüge. Die professionellen Vortragsreisenden, die im Interesse von Politik und Herrschaft ansonsten, und, ob ehrenamtlich oder beamtet, fest angestellt oder mit einem befristeten Auftrag, solche Diskussionen kanalisieren aufgrund von ‚Untersuchungen’ des Marktes, der Klientel und der Zielgruppen, und durch die Themensetzung die festgestellten ‚diffusen Bedürfnisse’ und so gut hervorlocken wie sozusagen erst in der Außenwelt, einer Welt von Artefakten festmachen (indem sie aus diffusen Gefühlen und Vorstellungen, die ihrerseits schon vorgeformt sind durch die vorgegebenen Klischees und Stereotype der möglichen Bedürfnisbefriedigung), um dann durch eine entsprechende Formulierung des Themas eine Klientel anzusprechen, der dann ein bereits durch vorgegebene organisierte Interessen konturierte Kanalisierung der so strukturierten diffusen Formen eines Unbehagens oder einer Unruhe angeboten wird, das diesem nun als 'Bedürfnis' erkannten Unbehagen eine in einen Bedarf umgewandelte Lösung anbietet. Diese Lenkung sorgt für die Handhabbarkeit der Klientel, indem er ihr suggeriert, dass es das sei, was sie sich eigentlich denkt bei dem, was ihr aus individuell u. U. ganz unterschiedlichen Gründen zunächst nur in Form eines seelischen Zustands von einiger Persistenz bloß diffus vorschwebt, um daran eine Diskussion anzuschließen, die diese Befindlichkeiten in bestimmte, u. U. ganz entgegengesetzte Bahnen lenkt (Man kann die Leute 'zum Arzt schicken', in Urlaub, oder sie zum Kauf von Geräten überreden, die vor allem oder oft auch von den Technologiekonzernen erzeugt und angeboten werden. Die Diskussion verläuft wie bei Pressekonferenzen oder beratender Werbung, spricht aber auch die gebildeteren Teile des Publikums an, indem sie Kulturprodukte anbietet, und folgt aufgrund einer durch das ganze Arrangement bewirkten Einschränkung der Überlegung nach Art eines mehr oder weniger schwachen Hypnoids den gewöhnlichen Mechanismen der Gruppendynamik, entsprechend meist in dem Sinne, der dem Experten bestätigt, wozu er angetreten ist: Dass er sich als Dompteur einer Masse mehr oder weniger gut bewährt und behauptet.

Die Vorformungen der Situationen, die eigens erzeugt werden zu dem Zweck, dass sich die Fähigkeit des Rhetors zur ‚Menschenführung’ bewährt, sind stets zugleich Empfehlungen seiner Qualitäten gegenüber der Macht, die ihn beauftragt hat, oder die er verkörpert um seiner eigenen Selbsterhaltung willen. Alles ist entsprechend schon von vornherein auf seinen Erfolg angelegt und er tritt an in dem Bewusstsein, was für ihn auf dem Spiel steht. Er muss seine Überlegenheit beweisen, die seine Karriere garantiert und deren erfolgreiche Einübung diese Karriere erst ermöglicht hat. Die Psychologie dieser Situationen ist zu komplex als dass man sie in diesem Kontext darstellen könnte [Das ist eine Ausrede. Ich kann das darstellen und es ist auch notwendig, ich will es nur ein wenig verschieben. Dies ist allerdings auch eine spätere Eintragung vom 14.12.2009 in einen Text von 8.1.2004]. Sie ist jedoch im Wesentlichen bekannt, im Prinzip jedenfalls wissbar. Ihre Kenntnis ist also hier vorauszusetzen. In jedem Fall handelt es sich um Massenpsychologie. Deren Extremvarianten sind ebenfalls historisch notorisch und müssen deshalb nicht eigens rekapituliert werden. So werden dann Massenbefindlichkeiten, die ihrerseits ja nicht in der leeren Luft hängend entstehen, zu Massenmärkten, auf denen Massenprodukte von Großindustrien erzeugt und vertrieben werden. Es wäre eine Verkennung des Mythos und seines Wahrheitsgehalts zu sagen, mit solchem Befund sei einer der Mythen, den der Zeitgeist von sich selbst verbreitet in Luft aufgelöst. Wie immer man das derart aufgelöste bezeichnet, die Behauptung, 'wir' lebten 'im Zeitalter des Individualismus' ist damit jedenfalls als gegenstandslose Unsinn erkennbar geworden, denn nichts ist mehr stereotyopisiert und mehr zum Klischee, zum bloßen Massenprodukt geworden als das 'Individuum', verstanden als Gattungsexemplar der Tierart Homo sapiens, mit seiner gewissermaßen 'im set' an es weitergegebenen Standardausstattung, die dann ausgebaut werden kann je nach Sonderwunsch, wie die technologischen Produkte der Industrie.

Nun ist eine Diskussion über die intellektuelle Zukunft einer Population in einer Industriezivilisation, eine Formel, mit der hier eine schwankende Benennung eines und desselben Problems oberhalb der dafür in der Öffentlichkeit gewählten thematischen Festlegungen umgriffen werden soll, damit deren Eigentümlichkeiten besser betrachtet werden können, zwar im Modus und Aggregatzustand einer auf bestimmte Weise gehandhabten Massenpsychologie und der ihr entsprechenden institutionalisierten Art und Weise der Steuerung der Maschinerie denkbar, die das ermöglicht, und natürlich, wie man leicht sehen kann, auch machbar – denn was erscheint auf diese Weise nicht machbar -, aber man darf sich doch fragen, ob eine solche Handhabung eigentlich entweder nicht ganz anders bewirkt als sie intendiert oder ganz anderes meint als sie zu meinen scheint, oder beides.

Man kann das auch anders formulieren: Ist die Maschinerie, die für die Diskussion genutzt wird, eigentlich der Thematik angemessen, falls man sich etwa ermutigt fühlen sollte, den Worten, also der rhetorischen Form, eine Bedeutung jenseits des kontingenten institutionellen Kontexts, der die politischen Apparate und die Machagglomerationen der neofeudalen Großorganisationen sind, die sich anschicken, die Populationen entlang von schnell wechselnden ‚Bedürfnissen’ nach ihren eigenen, jenseits des sozialen Lebens und der klassischen Definition des modernen Staates zu suchenden Konzeptionen und Designs als Rohstoffe für imperial ausgelegte Zwecke zu konsumieren, etwa in einem im weitesten Sinne als ‚Kultur’ zu umschreibenden Sinne eine aus der kulturellen Substanz heraus zu erfassende Bedeutung zuzumessen und diese zum Maßstab zu machen für den Sinn der institutionellen und der Rhetorik der Machtapparate der Verfügung über das Gattungsexemplar, eigentlich geeignet und überhaupt dazu fähig im Sinne einer Qualifikation, eine solche Diskussion über das intellektuelle Schicksal einer Population, die zugleich auch über ihr materielles entscheidet verantwortlich zu führen.

Versteht man die Problemformulierung, die darin steckt, zunächst in einem möglichst moderaten Sinn, dann lässt sie sich auf die Form bringen: Wer ist eigentlich dazu befugt eine derartige Diskussion zu initiieren und zu leiten, und wer kann sie so führen, im Sinne der Teilnahme an ihr, dass diese Teilnahme für den/die Betreffende(n) einen erkennbaren Sinn macht derart, dass sie diese Teilnahme auch als Teilhabe verstehen können, in einem Sinn also, der sie nicht nur angeht – etwa so wie man beim Fernsehen meinen mag, dass die von der Redaktion ausgewählten ‚Nachrichten’ den Zuschauer ‚angehen’ -, sondern die sie auch als ihre, als sie Betreffende und berücksichtigende, einbeziehende beteiligt, wie immer man das im einzelnen dann konkretisiert.

Die Antwort fällt je nach Voreinstellung bestimmt anders aus: Fasst man die ‚Diskussion’ auf als eine zwischen ‚Agenten’ und ‚Adressaten’, dann kann man es für sinnvoll halten, sie so anzugehen, dass die ‚zuständigen Stellen’ bzw. ihr Personal aufgrund ihrer Bedarfsanalysen einen entsprechenden oder gewandelten Bedarf anmelden und dann die zur Bereitstellung der Potentiale, die diesen Bedarf befriedigen notwendigen Maßnahmen diskutieren bzw. mittels Politikberatung anordnen lassen. Die Adressaten – d. h. der zu bearbeitende Rohstoff und die von den Maßnahmen Betroffenen, etwa die nachwachsende Generation und ihre Eltern, wenn die nicht selbst auch zum Rohstoff zu rechnen sind – hören sich das dann an und unterordnen sich den von den Agenten vorgeschlagenen bzw. angeordneten Maßnahmen zur Befriedigung des ermittelten Bedarfs. Vorausgesetzt ist dabei stillschweigend die ‚Kompetenz’ der Agenten und Agenturen in der Sache, der Ermittlung des Bedarfs einerseits und der Feststellung bzw. der wie immer vermittelt durch die Politik angeordneten geeigneten Maßnahmen andererseits.

Man kann sich – etwa als ‚Entscheider’ in ‚Politik und Wirtschaft und Gesellschaft’, womit gewöhnlich, in Deutschland, die Parteigremien, die privatwirtschaftlichen Interessenverbände und die Gewerkschaften und Kirchen (also wiederum Großorganisationen, die als Arbeitgeber und als Interessenverbände privatwirtschaftlich agieren und zugleich Politik machen derart, dass die in den politischen Parteien derart vertreten sind, dass eine wenigstens partiale Identität als gegeben betrachtet werden kann, wenn man dagegen das gemeinsame Objekt dieser Formationen betrachtet, d. i. die als ui bewirtschaftende und zu verwertende Rohmasse der zu Einzelnen, zu Individuen separierten Population) - dergleichen leicht als ganz unproblematisch vorstellen, wenn man z. B. eine staatliche Bildungsinstitution betreibt, die sich mit den Bedarfsanmeldern darüber abstimmt, worin der besteht, worauf die Agenten der Institution in Abstimmung mit dem Gesetzgeber zu einer Vereinbarung darüber kommen, wie auf diese Bedarfslage, ist sie einmal überprüft und als richtig akzeptiert, durch eine entsprechende institutionelle Reaktion zu antworten ist. Die Adressaten spielen in diesem Kontext die Rolle des entlang der Erfordernisse zu bearbeitenden Rohstoffs, der aufgrund bestimmter, als gegeben zu betrachtender Vertragslagen – im Falle der Schülerschaft der staatlichen Erziehungsanstalten ist das zum Beispiel die in einem Land gesetzlich geregelte Bestimmung, die den Schulbesuch regelt, als Zwang oder als Recht usw. – periodisch in der Institution eingeht und dann entsprechend den internen Vorgaben des Betriebes bearbeitet wird.

Um den eingangs angesponnenen Faden wieder aufzunehmen: Was zunächst an der ja eigentlich nur in den sogenannten Massenmedien – den weitgehend uniformierten, um nicht zu sagen: gleichgeschalteten Mitteilungsblättern des politischen und des Machtapparats – geführten ‚Diskussion’ auffällt, ist die mehrfache Verschiebung des thematischen Gesichtspunktes unter dem sie erscheint. Bereits der Einsatz der Diskussion mit der bekannten und notorischen Studie war rhetorisch ein keineswegs gelungenes Bubenstück. Es folgte einer längst zur politischen Routine gewordenen Technik der präventiven rhetorischen Besetzung einer aus dem Untergrund der Population selbst langsam aufdämmernden Unzufriedenheit mit dem staatlichen Bildungssystem und fing die aus dem Umkreis der ‚Klientel’ kommende, sich stets deutlicher artikulierende Kritik an der Schule und den weiterführenden Bildungsinstitutionen ab, die sich aus der langen Beobachtung und den von den Klienten und Mitbetroffenen (Studenten, Eltern) gemachten und im privaten und halbprivaten Raum des sozialen Lebens diskutierten und artikulierten zu einem Unbehagen zusammen zu ballen im Begriff waren, der kurz vor der Überschreitung der Schwelle zu einer öffentlichen Diskussion ganz anderer Art zu stehen schien als sie dann anhand und nach der zur Sensation erhobenen Studie geführt wurde. Man kann den Unterschied leicht angeben. Es ist die Differenz zwischen einer von ‚den zuständigen wissenschaftlichen und politischen Autoritäten’, den Positionsinhabern eines Konglomerats von staatlichen Großbetrtieben über den ‚Stand der Bildung in einer Industriegesellschaft’, ihr ‚Niveau’ besonders im internationalen, aber auch im nationalen Vergleich, und einer von dem betroffenen Publikum geführten Diskussion über das Bildungssystem und seine Beziehungen zum gesellschaftlichen Leben und zu seiner eigenen Zukunft bzw. zu der seiner Nachkommen. Es ist also zunächst und vor allem die präventive Verschiebung der Thematik der Diskussion von einer von der Klientel, den Nachfragern nach Bildung ausgehenden Kritik an dem Zustand dieses Großbetriebskonglomerats einerseits, seiner Struktur und Verquickung mit der staatlichen Macht und dem dadurch sich mehr und mehr verschiebenden Ungleichgewicht im Verhältnis von Bürger und Staat, Person und Machtapparaten, dem organisierten Machtgebrauch in diesem Verhältnis, den der gesetzlich garantierte Zugriff der Politik und der Einflüsse, denen gegenüber sie sich zunehmend willfährig zeigt einerseits, und einer zu Lasten der Klientel von den organisierten Selbsterhaltungsinteressen, die sich in dem Institutionenkonglomerat des Schul‑ und Bildungsbetriebes eingerichtet haben, eine Machtzusammenballung, die bekanntlich erweitert ist um das Gefüge der Umschulungseinrichtungen und die gemeindefinanzierten – also von einem interessierten politischen Apparat gestützten und gesteuerten - ‚Volkshochschulen’, die Weiterbildungsinstitutionen, die sich im Gefolge von Massenarbeitslosigkeit und Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt sowie im Kontext sonstigen Steuerungsinteressen der privaten Wirtschaft und der Beschränktheiten akademischer Ausbildungsdesigns an die derart erscheinenden ‚Defizite’ des Bildungssystems ebenfalls von organisierten Interessen gestützt und getragen angehängt haben. Dabei kann man von der institutionalisierten ‚politischen Bildung’ noch absehen, obwohl sie ein zu einem wesentlichen Faktor gewordenes Subsystem ist, das wenn man so will, den Titel für das Ganze gut abgeben kann, insofern sich behaupten lässt, dass es kein Jota Bildung (mehr) gibt, die nicht direkt politisch kontrolliert und konzipiert wird, und sich gegenüber dem Einzelnen, der nach wie vor die fiktive Grundlage der Herrschaftsform ist, längst zu einem Kontrollmonster verselbständigt hat, das sich inzwischen vom Kleinkindalter an in den Besitz der Kontrolle der Bewusstseinsverfassung der gesamten Population gesetzt hat und auf diesem Wege seine eigene Grundlage zugleich erhält (formal) und vernichtet (durch die zur Gehirnwäsche geratende Anfüllung des Bewusstseins wie seine systematische Strukturierung bis in die klassisch der ‚Psychologie’ als ihre Domäne zugewiesenen Strukturen der Persönlichkeitsformung, deren ‚theoretische’ Grundlagen zugleich eine ganz unbemerkt hinter der aufrechterhaltenen Fiktion vom unablässigen Wissenschaftsfortschritt vor sich gehende atemberaubende Degeneration durchmachen, im Gegensatz etwa zu der Entwicklung der Computerindustrie: Während deren Apparate und die dazu zur Verfügung gestellten Grundlagen sich immer weiter ausdifferenzieren, regredieren die entsprechenden, dem Handeln zugrunde gelegten Theorien über den Menschen in atemberaubender Art und Weise auf Primitivismen, die atavistisch anmuten müssten, entstammten sie nicht dem angeblich entzauberten Sachlichkeitsprinzip der modernen Bürokratien. Während die Billigstudiengänge der angeblich von Natur aus ‚billigen’ Sozial‑ und Geisteswissenschaften auf das ihnen auch mittels der dafür vergebenen akademischen Grade unterhalb des Niveaus der Wissenschaftlichkeit (zu Zwecken der Produktion von preiswerten Erfüllungsgehilfen von Verwaltungsbedarf im Bereich der sozialen Kontrolle) herabsinken (und dem muss man einen strategischen Sinn einer vorsätzlichen und organisierten Handlung der organisierten Machtapparate zuordnen, der deshalb, weil er – eine ungemein bösartige Ironie, die zum offenen Zynismus ausartet angesichts eines unerträglichen Opportunismus - zumal innerhalb einer dafür zuständigen Wissenschaftlichkeit unbewusst ist, nicht auch deshalb nicht verantwortet werden müsste von Politik und Wissenschaft, die zuständig gewesen wären dafür, dass sie tatsächlich verantwortlich handeln, und denen diese ‚Entwicklung’ entsprechend zugerechnet werden muss wie eine bewusste Absicht, und damit schon vom Design her kaum mehr heranreichen an das einmal dafür prinzipiell zur Verfügung stehende Wissenschaftsniveau, das durch eine immer weiter gehende, scheinbar unproblematische ‚Spezialisierung’ und ‚Arbeitsteilung’ den Adepten aus dem Blick gebracht wird, die meinen, wenn sie eine irgendwie geartete Berufsfähigkeit, die von den Institutionen auch ‚angenommen’ wird, erreicht haben, hätten sie erreicht, was die Sache verlangt, und nicht nur die organisierten Interessen an ihrer billigen Verwertung unterhalb der Ebene der Fähigkeit zu selbständiger wissenschaftlicher Verarbeitung der ihnen dann begegnenden Gesamterfahrung, die das sogenannte Arbeitsfeld ihnen böte, wenn sie die Fähigkeit hätten und die ihnen per Ausbildung implantierte Bewusstseinszensur umgehen könnten, die verhindert, dass sie wissenschaftlich belehrt und ausgestattet, einen Blick nicht nur auf die auftragsgemäß entlang von Vorgaben, die im multiple‑choice‑Verfahren angelernt und abgefragt werden, zu bearbeitende Klientel, sondern auf alle Phänomene werfen, die ihnen die Berufsausübung im Kontext der Machtzusammenballungen im Prinzip bietet, und diese entsprechend einer normativen Orientierung an einem Wissenschaftsbegriff einzuordnen, der entsprechend den sonstigen Regeln in einer Industriegesellschaft, die auf einer grundsätzlich und universal wissenschaftlichen Einstellung aufsetzt, im Humanbereich verpflichtend gehandhabt zu werden erzwungen werden können müsste von den entsprechend vorgebildeten Menschen und aufgrund des wissenschaftlichen Nachweises der entsprechenden Urteilsgrundlagen, und dem gemäß Vorrang beanspruchen können muss gegenüber regressiven Interessen der Macht an der Verfügung über Menschen, deren Existenz und Wohlergehen die diesen garantierte Grundlage der Herrschaft ist gemäß den kodifizierten und damit geltenden Regel, die zum Verbrechen machen, was dagegen verstößt, wird sowohl der Aufwand für die Forschung und Entwicklung von Apparaten, Waffensystemen und der Erforschung des Weltraums mit einem historisch geradezu irren Aufwand finanziell ausgestattet – man sollte darin die Äquivalent der unproduktiven Verausgabung der antiken Gesellschaften sehen, die sich, wie etwa die ägyptische damit befassten, den gesellschaftlichen Überschuss Reichtum in Gräber zu investieren. Das hat sein exaktes funktionales und formales Äquivalent in den Investitionen der führenden Industrienationen in das Jenseits der Erdoberfläche. Es ist sogar von der Form des Glaubens her nahezu identisch, aufs Ganze gesehen.

Das wissenschaftliche Interesse am Menschen ist entgegen dem scheinbar dafür getriebenen Aufwand strukturell rückläufig und formal regressiv. Dem widerspricht nicht die fieberhafte Entwicklung aller möglichen Pharmaka, insofern hier kein Interesse am Menschen vorliegt, sondern eines am Profit. Und selbst wenn man behauptet, das käme doch Menschen zugute, ist es doch bei genauem Hinsehen kaum haltbar. Dasselbe gilt für die Genforschung und alles was mit dieser Art von Interesse am Phänomen ‚Leben’ zusammenhängt. Man wird noch erkennen können, dass es mit dem Interesse an Apparaten, wie das in der Computertechnologie der Fall ist konvergiert. So gesehen ist ‚Wissenschaft’ mehr und mehr gleichbedeutend mit dem Interesse an Apparaten, und zwar solche, die Menschen substituieren, weil die die Produktion stören, während man sie am Ende der Kette als unterjochte und kurzgehaltene Konsumenten noch zu brauchen vorgibt, solange sich kein anderer Weg findet, die erzeugten Produkte irgendwie abzusetzen, etwa indem man die auf dem Wege der Ausgrenzung oder Marginalisierung des Menschen in Produktion und gesellschaftlichem Leben gemachten Überschüsse in steuerfinanzierte Projekte lenkt. Es wäre vor allem dieser ‚Trend’, über den zu sprechen gewesen wäre, bevor die Riege der Generäle und der Verfüger mit Offizierspatenten entsprechend der verabredeten Modernisierung, die die totale Mobilmachung und die durchorganisierte quasi‑militärische Struktur des gesellschaftlichen Lebens und der totalen Verfügung über das Leben des Einzelnen verdeckt mit einer Außenseite von Zivilität, die kein Korrelat hat im Wesen des Gefüges, das Wort an sich rissen, um der Population durch die Blume zu sagen, was sie in der Zukunft von ihren politischen Besitzern zu erwarten hat.

Mehr und mehr erscheint die Population als Privateigentum einer sich immer deutlicher als Klasse konturierenden organisierten Machtapparatur, als zu bewirtschaftendes Gut. An Obszönität gleicht das nur jenen Staaten, die, von einstigen Hirtenvölkern gebildet, die aus wer weiß welchen Steppen in das Land sesshafter Agrarpopulationen einbrachen und sich die Populationen entsprechend ihrer Gewohnheit als Herden unterwarfen und demgemäss traktierten. Es ist eine Sache hinreichender historischer Kenntnis das Gemeinte zu sehen. Im Übrigen entspricht es ebenso gut der hin und wieder gelobten ‚preußischen Tugend’, deren Größe unverändert im Schulunterricht mit deutschen Vornamen und Nummern weiter tradiert wird.

Diese Ablenkung des authentischen thematischen Grundes, der die Diskussion eigentlich veranlasst hat und das dann ganz zufällig erscheinend vorhandene Interesse an ihr ausmachte – vorausgesetzt man teilt nicht blind die ganz selbstverständliche Arroganz der sich für die richtige Themenwahl und –formulierung vorrangig zuständig fühlenden selbst oder von ‚Politik, Wirtschaft und Gesellschaft’ ernannten ‚Experten’, der politischen Machthaber oder der von ihnen alimentierten Personalgruppen, hat dafür gesorgt, dass die Artikulation sogleich in eine Form umschlug, die ihren Grund, die entstehende Beunruhigung in der Population über das Agieren des zunehmend deutlicher als Machtapparat in den Blick tretenden Ungeheuers der staatlich kontrollierten Beeinflussung der seelischen und geistigen Potentiale der nachwachsenden und der Erwachsenenpopulation, die in sehr weitgehender Weise Erfahrungen machen konnte mit dem zu einem integralen Apparat der sozialen Steuerung und der sozialtechnologischen Einflussnahme und Kontrolle.

Die als ‚preemptive strike’ angelegte Präsentation der Studie entsprach einer auch sonst längst Gewohnheit gewordenen Technik der Enteignung des Bewusstseins durch die Machtapparate der industriellen Herstellung der jeweiligen strukturellen und inhaltlichen Elemente der Bewusstseinsverfassungen. Die darin liegende Intention lässt sich vielleicht nie vollständig verwirklichen aus durchaus angebbaren, hier indessen nicht zu behandelnden Gründen, aber wenigstens lässt sich eine sei es kurz‑, sei es längerfristige Überlagerung der körper‑ und lebensalltagsvermittelten Bewusstseinszustände erreichen (auch durch die sogenannte ‚Unterhaltung’, mit denen die Massenmedien dienen können, wie früher die Kirchweih und der Karneval auch), und diese Ablenkung genügt gewöhnlich schon um den nächsten Umwälzungszyklus abzuschließen und die Gewinne zu konsolidieren. Das gilt in der Politik so gut wie in der Wirtschaft, zumal angesichts der zunehmend identischen Formen ihrer rhetorischen ‚Vermittlung’ an eine Population, deren Zustand und Urteilsvermögen erst die Aufstiegschancen der Experten und Vorgesetzten, die ihnen auf Schritt und Tritt in den Weg treten ermöglicht, und dieser zugleich zeigt, was die Ermächtigung dieser Bildungsgangsergebnisse ihnen gegenüber für sie als Ganze eigentlich bedeutet. Es ist deswegen ein erheblicher Unterschied, was man sich angesichts der beobachtbaren Entwicklung für seine eigenen Nachkommen jeweils wünschen mag, und was man ihnen wünschen muss angesichts dessen, wozu ‚Bildung’ unter diesen Umständen wurde, und wozu sie verwendet werden wird, weil und wenn sie vorwiegend als Verwertung von Kenntnissen, Fähigkeiten und Begabungen für organisierte Machtinteressen gegenüber der Masse der vereinzelten Menschen eingesetzt, verkauft werden muss, so dass gar keine Wahl bleibt als ggf. der Verzicht und die Suche nach einer anderen Existenzmöglichkeit, die nicht zur gewissenlosen Selbstversklavung zwingt und dazu unerlässlich macht, dass man sich einbildet, just darin bestünde der begeistert und zufrieden zu feiernde und zu begrüßende Erfolg der eigenen Existenz. Ebenfalls ist es ein Unterschied ums Ganze, ob man den Erfolg eines Individuums bei rein formal durch die Bedarfsermittlung festgestellten Erfolgsbedingungen wünscht, oder ob man die wahrscheinlichen Folgen, die es hat, wenn das ein Massenprozess wird, der von Machtapparaten gesteuert wird, die sich dazu einen Design ausdenken, der darauf abzielt Populationen zu steuern, aus der Personalgruppen hervorgehen, die Wirtschaft, Verwaltung. Politik und Staat, Verbände und andere organisierte Machtapparate regieren, und die gegenüber den Folgen ihres eigenen Tuns über die Zwecke hinaus, denen sie sich zur Verfügung stellt, um der eigenen Selbsterhaltung willen, gänzlich gleichgültig sind, eine sich bereits überdeutlich als Realität abzeichnende Folge eines Bildungssystems, das sich faktisch gegenüber den Populationen verselbständigt hat mit der Folge der Ausrottung ganzer Wissensbereiche, die diesen Zusammenhang im Bewusstsein der ‚Gebildeten’ einmal zu wahren hatten.

Die aktuelle Debatte um die Bildung hat mit der Präsentation der notorischen Studie genau dies bewiesen. Dabei versucht diese Rhetorik schon als das scheinbar fraglos Selbstverständliche aufzutreten, als sei gar nichts anderes denkbar. Dem entspricht der Brustton der Überzeugung, mit dem die beamteten Bürokraten diesen Gestus übernehmen konnten, koinzidiert es doch aufs Genaueste mit ihren ohnehin in der ‚Elternmitbestimmung’ mit dem scheinbaren Einverständnis der derart nach Art der Blockwarte ebenfalls entlang einer unbewussten Gehorsamkeit und Verfügbarkeit ‚Organisierten’, die gar nicht bemerken, wie ihnen geschieht. Auch in dieser Hinsicht nutzt die Politik geschickt Traditionen, die nicht mit ihrer erklärten Grundlage vereinbar sind, die keiner wissenschaftlichen Prüfung an den Voraussetzungen und den Möglichkeitsbedingungen von Bildung oder auch nur der angemessenen Definition der menschlichen Intelligenz standhalten, und die sich teils auf unsägliche Traditionsbestände, teils auf die von der Herrschaft verordnete kollektive systematische Traumatisierung mittels eines Jahrhunderts bestialischer Disziplinierungen stützen können, deren ideologische Bestände sich noch immer zu halten versuchen, indem man den Menschen, die in ihrer überwiegenden Masse nichts oder jedenfalls kein Land besitzen einredet, was sie ggf. zu verteidigen hätte, sei ihre Heimat, so als könnte das vereinzelte Individuum der total mobilisierten Gesellschaft und die Masse der anlässlich ihrer Bildung Zwangsverschickten noch den Sinn einer solchen Vokabel im Ernst verstehen ohne zum psychiatrischen Fall zu werden. Überhaupt wäre die Masse der solcherart als Ideologie weiter wabernden Bestände des konservativen Denkens mit der Politik des Konservatismus zu konfrontieren um den Aberwitz der Widersprüche zwischen dem, was die Klientel eingeredet bekommt, und dem was diese Politik tut angesichts der Folgen, die sie mit sich führt, die mit keinem Element ihrer als ‚Tradition’ oder ‚Brauchtum’ gehätschelten ‚Beständen’ verträglich sind, so wenig wie mit ihrem angeblichen Staatsverständnis. Die derzeit radikalsten und rücksichtslosesten Agenten der permanenten Revolution in diesem Land sind die Personalgruppen der konservativen Parteien. Es bedarf anderer Erklärungen als derer, die sich auf Logik und Rationalität zu stützen, um das Wahlverhalten der Klientel dieser Parteien zu erklären. Das allein genügt schon, um die irrationalen, nicht wissenschaftsfähigen gesellschaftlichen Untergrund der angeblich modernen Industriegesellschaft in Deutschland hinreichend sichtbar zu machen. Kaum anderes, auch wenn es anders strukturiert ist, lässt sich indessen von der Klientel der anderen politischen Parteien sagen. Es hat zu tun mit der politischen Bedienung von irrationalen Motiven bzw. den aus ihnen sich formenden Masseninteressen, dass dies so ist. Wenn man nun daraus den Schluss ziehen möchte, was ja nahe läge, zu sagen, dass sich derart auch die Unausweichlichkeit einer Ablösung der Diskussion über die intellektuelle Zukunft der Population (was ja nur ein anderer Ausdruck für die nachweisbaren kulturellen Umformungen wäre, die notwendig mindestens der Entwicklung der (globalen) Industriestruktur abgelesen werden müssen) von einer diffusen Basis und ihre Übertragung an eine dafür zuständige Expertengruppe wie von selbst ergäbe, die eben in den Institutionen und Positionen der Bildungsinstitutionen gesucht und gefunden werden kann und sonst kaum anderswo als vielleicht in Reaktionen und Betriebsvorständen, bzw. den üblichen Vertretern aus Gewerkschaften und Verbänden, der vergisst, dass diese vermeintliche Selbstverständlichkeit sich vor dem Hintergrund des angemessenen Bewusstseins davon abheben muss, dass es das Ganze ist, was sich am Zustand des durchschnittlichen Urteilsvermögens des Einzelnen ebenso wie an den Bewusstseinsverfassungen der in den Führungspositionen des gesellschaftlichen Lebens befindlichen Personengruppen gleichermaßen abzeichnet, und dass sich die angesichts der kurzen Abstände so aufdringlich ins Auge fallenden Unterschiede in Kompetenz und Übersicht, zumal dann, wenn diese entlang von Kriterien beurteilt werden, die am Erfolg, also an Konglomeration von Zufällen, die sich aus sozialen Beziehungen, erfolgreicher, aber nicht unbedingt bewusster Anpassung an eine Umgebung zusammensetzen, die bestimmte Anpassungen belohnt und andere bestraft, und andere damit zusammen hängenden ‚Fähigkeiten’ abliest, was sie dem gemäß als ‚intelligentes Verhalten’ meint betrachten zu dürfen, auf einen etwas größeren Abstand gesehen verlieren (Man denke etwa an den Krieg 1914-18 und den Kaiser und seine Minister, die ihn befahlen, das Verhaltens der Sozialdemokratie und endlich aller derer, die ihn auf Leben und Tod trugen und ermöglichten, und betrachte das Ganze vom Standpunkt einer menschlichen Vernunft, die unausweichlich der einzige Maßstab für ein angemessenes Urteil bleibt, ein Urteil, das unterschiedslos auf alle europäischen Gesellschaften zutrifft, die sich daran beteiligten und in dem sie alle zusammen untergingen, mitsamt ganzen Imperien. Es gibt kein historisches Schauspiel, in dem mehr debile Idioten auf einer Bühne agierten als dieses. Das ist auch angesichts des stereotypen Einwandes richtig, wonach hinterher alle klüger sind. Ich bin sicher, dass ich vorher auch die Klugheit nicht besessen hätte, das klug zu finden. Die Zeit dazu war angesichts des Standes des Wissens nachweislich vorbei. Die Massenbeteiligung – die wie nach geheimer Verabredung alle diese Gesellschaften in eine Psychose stürzte - muss also einen anderen, nicht vernunftfähigen Grund im Zustand der europäischen Kultur selbst haben, die in ihrer Masse so wenig wie in ihrer Führung nicht fähig dazu war, sich auf das ihr prinzipiell aus ihren eigenen Beständen bereits zur Verfügung gestellte Niveau der Urteilsfähigkeit zu erheben. Soviel zum Gerede von ‚Eliten’. Das Faktum, das hier analysiert wurde, ist gleichbedeutend damit zu sagen, dass die Eliten des damaligen Europa nicht zu denen gehörten, die sich dafür hielten und nur wie totes Holz im Strom schwammen, während sie von Größe, Ruhm und Ehre träumen mochten, und sich natürlich für Tatmenschen hielten. Auch die Psychiater kann man hier mit einbauen, mittels eines zeitgemäßen Witzes: Kommt ein zum Chefarzt ernannter Psychiater in die geschlossene Abteilung seiner Irrenanstalt, lässt die Patienten in einer Reihe antreten, geht an der Reihe entlang und sieht jedem genau in die Augen, tritt dann einen Schritt zurück, blickt an der Reihe hinauf und hinunter und bellt: „Wer von Ihnen ist Napoleon?“) Auf eine geringe Distanz vom Alltagsleben jeder Epoche ist der Intelligenzunterschied zwischen den Menschen der Mitwelt einer Kultur geringer als der Augenschein der Kurzsichtigkeit eines Bewusstseins meint, das dem Augenblick verhaftet ist, und das kann große Feldherrn und Konzernlenker einschließen, ohne dass es heißen muss, dass sie nicht sich unverhältnismäßige Saläre zumessen würden, die dazu angetan sind, dass der Zuschauer vergisst, dass der darin zutage tretende Unterschied mit dem, was sie faktisch von ihren Mitmenschen unterscheidet, wenn man sich auf ihre Intelligenz beschränkt, kaum in einem nennenswerten Zusammenhang steht.).

Wie sollte man erwarten, dass diese Bande von Scharlatanen, die sich in das Vakuum einer zerstörten Kultur und deren institutionelles Gefüge eingenistet hat in mehr als fünfzig Jahren und die seitdem mit der Nachzucht und der Rekrutierung von Ihresgleichen befasst war und den gesamten institutionellen Apparat nach ihren Wünschen besetzt hat, gemäß dem Prinzip, das alle Machtbalancen in derartigen Gefügen nur dann langfristig sichert, wenn die jeweils nachrekrutierten Mitglieder keine Gefahr darstellen für die Position und den Rang des Dümmsten, der bei Entscheidungen über die Anwerbung neuer Mitglieder noch mitbestimmen darf?

Woher sollte die plötzliche Einsicht kommen, dass viele ihre Positionen Eigenschaften verdanken, die am Wenigsten mit einer ernst zu nehmenden Intelligenz zu tun haben in dem Sinne, in dem man davon mit Rücksicht auf Kriterien sprechen müsste, die unter anderem ein Minimum an Reflexion auf den Kontext in dem man steht erfordern, und darüber hinaus mehr als bloße Verfügbarkeit und das ‚Selbstbewusstsein’ des rücksichtslosen Karrieristen, das gerade zu als Voraussetzung für Bildungserfolge geworden ist, ganz ohne damit jemals übereinstimmen zu können?

Wie sollte man diesen Aberrationen klar machen können, dass dafür genau genommen kein staatliches Bildungssystem überhaupt zur Verfügung stehen darf, prinzipiell nicht, auch wenn das in Amerika anders ist, weil Amerika derzeit der Ort ist, wo alles anders ist, und zwar deshalb, weil die Bevölkerung Deutschlands von Amerika ja faktisch nichts weiß außer das, was der Hollywoodfilm erzählt oder die politischen Agenten der ‚freien Wirtschaft’, so dass man ihr alles erzählen kann ohne dass sie es nachzuprüfen imstande wäre?

Die Einrichtung von Bildungsinstitutionen, die sich damit befassen, eine machiavellistische Struktur der Persönlichkeit gemäß der Allgegenwart der gerade modischen Paradigmenwechsel zum ausdrücklichen Programm zu erheben und dies aus Steuermitteln zu finanzieren in der Absicht, diese Führungskader der Population vorzusetzen, kann nur dann gelingen, wenn die Population faktisch schon ausgestiegen ist aus jeder Hoffnung auf eine Aussicht darauf ihr kollektives Schicksal überhaupt noch beeinflussen zu können. Was das faktisch bedeutet muss man sich erst einmal klar machen. Es ist ja nicht nur das Ende der ‚Solidarität’ oder dergleichen. Nein, das nicht, aber es ist ein Ende, von dem gar nicht zu sagen wäre, ob es einen neuen Anfang markieren könnte. Vielleicht ist das aufgeregte Durcheinandergeplapper der offensichtlich allgegenwärtigen permanenten rhetorischen Revolutionäre ja nur eine peinliche Unterbrechung des über eine faktisch in Auflösung begriffene Kultur sich breitenden Schweigens, das allenfalls noch der Karnevalslärm übertäubt, den die Massenmedien verbreiten, aus denen man entnehmen kann, dass der Unterhaltungselektronik und ihrer ‚Verschmelzung’ mit der Computerindustrie große Zeiten bevorstehen. Und dass viele Bildchen per Telefon übermittelt werden in Zukunft. In welchem Verhältnis steht diese Erwartung eigentlich zu den diskutierten Reformabsichten? Es kann doch nur heißen, dass klug ist, wer auf die Dummheit auch in der nächsten Zukunft seine Studien und seine Karriere in den Industrieunternehmen gründet, die sich damit befassen, die Population auf diesem Wege noch weiter zu führen als sie schon ist, so dass der in die Apparate investierten menschlichen Intelligenz – das ist, was sich an Menschen industriell verwerten lässt – eine in der Abwesenheit jedes Sinnes im Content entsprechende gähnende Urteilsschwäche derer entsprechen muss, die dumm genug sind, das Zeugs nachzufragen, statt sich darauf zu konzentrieren, ihr Geld und ihre Zeit auf etwas Besseres zu verwenden.

Eine Logik, die sich auf einen derartiges Schisma stützt, ist auf die Dauer mit einem Konsum jenseits des Notwendigen überhaupt nicht vereinbar. Dasselbe gilt für die üblich gewordene Logik des Profits. Wo nur noch die Einnahmen oder die Überschüsse zählen, ist der Logik nach schließlich das Ende des gesellschaftlichen und sozialen Lebens zu erwarten, weil jede Ausgabe gleichbedeutend ist damit, dass man narzistische und in sich selbst verliebte ‚Absahner’ und soziale Monstren füttert, Psychopathen heranzüchtet, die sich an der Dummheit derer mästen, die ihnen ihren überflüssigen Scheiß abkaufen. Demgegenüber scheinen doch Manche derzeit die Probe darauf zu versuchen, was man eigentlich wirklich braucht – und da gehen dann die Rechnungen nicht mehr auf, es sei denn, die Machtapparate gehen dazu über den Leuten das Geld einfach weg zunehmen, wie sich das ja abzeichnet, um die nächste Runde ihres Kapitalverwertungszyklus zu bewältigen. Dazu gibt es dann die verschiedensten Mittel. Aber organisieren lässt sich das alles, wie man sieht, und erkennen lässt es sich auch. Es wird zwar hinter einer Vielzahl komplizierter Erklärungen zerstreut, aber im Grunde ist es einfach. Und es steuert so oder so auf ein Desaster zu. Da der ganze Vorgang sich auf die thermodynamischen Gesetze weniger stützt als von ihnen abhängt, wird er nicht unendlich sein können, weder von der Seite der Populationsentwicklung her noch von der Seite der Industrieentwicklung her. Schon zur Zeit der Hochkonjunktur der Ideologie von Walt Rostow war Idee der Realisierung der Anhebung des pro‑Kopf‑Energieverbrauchs der Weltpopulation auch nur auf das Niveau des westeuropäischen Standards ein Blödsinn, vom Verbrauch der US‑Amerikaner zu schweigen. Wer sich also über die Wachstumsraten in China, einer Population von inzwischen wohl 1.4 Milliarden Menschen freut, sei es auch ganz altruistisch, ist ein weltfremder Idiot. Und wer das in die Form von Wirtschaftsdaten kleidet, die zu Optimismus Anlass sind, während ihm ein ‚Einbruch’ der Entwicklung zu pessimistischen Prognosen über die Weltwirtschaft Anlass ist, der ist so gedankenlos wie verantwortungslos. Es gibt inzwischen keine Möglichkeit mehr für Prognosen, die nicht ungünstig sind. Der Schein, dass es anders sei ergibt sich aus einer Unterbietung des zur Verfügung stehenden Informations‑ und Einsichtsniveaus und entlang von ganz nüchternen Überlegungen.

Es kann keinen Zweifel daran geben, dass diese Wirtschaftsweise vor einer kritischen Schwelle steht, in mehrfacher Hinsicht. Dabei ist das Geringste die erkennbar destruktive Wirkung auf den sozialen Zustand der Populationen, die unter dem auf ihnen lastenden Mobilisierungs‑ und Verfügbarkeitsdruck ihre genetische Potenz verlieren. Da es mehr als genug Menschen gibt, ist weder das noch die aktuelle Lustseuche, das Äquivalent für die etwas ältere Syphilis, ein ernst zu nehmender ‚Faktor’ der Entwicklung. Die kommenden Dekaden werden noch viele Menschen kosten ohne das anschließend jemand fehlt, so wenig wie nach den ‚Weltkriegen’ jemand fehlte, den man noch gebraucht hätte. Trotzdem wird diese Wirtschaftsweise an Grenzen stoßen, die durch die Gesetze der Thermodynamik gesetzt sind. Und das ist kein Anlass zu Oprimismus im naiven Sinne des Wortes, der da meinen möge, es werde sich schon richten.

Eigenartig ist diese Indolenz schon angesichts der hektischen Aktivität in dem Ameisenhaufen. Aber die Tiere scheinen doch zu klein zu sein um eine angemessene Übersicht über ihre Grenzen gewinnen zu können. Also macht jeder drauflos und wo er keine Grenze sieht und solange er sie nicht sieht gibt es sie auch nicht. Und wenn sie auftaucht, wird man schon sehen. Dieser Optimismus verdankt sich einer Erblindung, mindestens aber der Kurzsichtigkeit, die die Intelligenz des Unternehmers wie des Politikers ist.

Die Kultur Europas, und vor allem Deutschlands ist eine riesige Ruine. Sie ist von Herrenmenschen bewohnt. Das bemerkt man nicht sogleich, wenn man vorbeigeht. Das Grundstück scheint unbewohnt. An ein paar Straßenbauarbeitern vorbei, die mit der Verlegung einer neuen Kanalisation, eines Kabels oder dergleichen beschäftigt waren, geht man vorbei, während diese ihr Gespräch für einen Moment unterbrechen ohne die verschränkten Arme herunter zu nehmen um dem Vorbeigehenden zuzusehen wie er vorbei geht. Der kurze Augenkontakt ist von einem fast unmerklichen Kopfnicken begleitet, aber man kann sich auch getäuscht haben. In der Anonymität der Städte hört die Begrüßung der aneinander vorbei Gehenden auf. Die zerklüfteten Außenmauern des roten Sandsteingebäudes leuchten herausfordernd im fahlen Licht eines bedeckten Himmels von unstrukturiertem Grau. Unwillkürlich fühlt man sich angezogen. Man bleibt stehen um sich die imponierenden Reste der Ruine anzusehen. Da alles unbewohnt erscheint entschließt man sich das Grundstück zu betreten. Neugierig tritt man näher, während man rechts an dem Gebäude einen breiten Weg herauf geht. Man bemerkt dann beim Nähertreten, dass in den stehen gebliebenen Mauern unten ein kleiner Teil hinter einer klobigen Fassade offenbar bewohnt ist. Beim Vorbeigehen gewahrt man hinter Gardinen heraus einen starren Blick. Merkwürdig erscheint mir die gehäkelte Gardine, hinter der das Gesicht heraussieht, mit dem Übrigen zu kontrastieren. Ich kann eine Verwunderung, gemischt mit Ärger über das Kleinbürgerliche Detail nicht unterdrücken, und habe prompt ein schlechtes Gewissen, weil ich der Meinung bin, dass es mir als Besucher doch nicht zusteht, dergleichen Vorlieben zu kritisieren oder zu bemäkeln, auch wenn sie mir nicht gefallen. Endlich kommt, während man an dem Gebäude entlang geht um es von der Rückseite anzusehen, aus einer Tür, die man zunächst nicht bemerkt hatte, eine dunkel gekleidete Person ohne Jackett zielstrebig auf den Besucher zu gegangen, die ganz offenbar nicht erfreut ist darüber, dass man das Grundstück betreten hat, und fordert ihn auf, das Gelände zu verlassen, wird, während der Besucher sich entschuldigt etwas freundlicher, ohne indessen an Entschlossenheit nachzulassen, sagt, dass sie gerade aus dem Theater kommt – es scheint der Intendant zu sein, nicht ein Theaterabonnent – und legt dem schon auf dem Rückweg befindlichen Besucher freundschaftlich die Hand auf den Rücken, wie um sicher zu sein, dass er mit ein wenig entschlossener freundschaftlicher Leitung den Ausgang um so schneller findet, während der Besucher, den nunmehr eigenartig holperigen Weg hinauf durch einen nunmehr langen dunklen Tunnel, in den sich der Weg an der Ruine vorbei nunmehr unvermittelt verwandelt zu haben scheint mit immer zäher sich hinziehenden Bewegungen seiner beinahe den Dienst versagenden Beine hinaufquält und dabei mit seinem Blick den hellen Fleck ins Auge zu fassen versucht, der den Ausgang des Grundstücks ankündigt, während die Beine auf eine rätselhafte Art und Weise den Dienst zu versagen scheinen. Und während der unvermutete Bewohner des Gebäudes hinter ihm im Eingang in der Schwärze der sich schnell herab senkenden Dunkelheit verschwindet, müht sich der Eindringling damit ab, gegen den wachsenden Widerstand, mit dem seine plötzlich ganz kraftlosen Beine zu kämpfen haben, einen immer steiler werdenden Weg durch den sich immer länger hinziehenden Tunnel hinaus auf die Strasse zu finden, von der er kam. Zugleich scheint er kein anderen Ziel mehr zu haben als dieses, während er zuvor ziellos und auf der Suche nach etwas unterwegs gewesen zu sein schien, das ihm als Versprechen in der Stadtlandschaft selbst enthalten zu sein schien und das ihn aufgefordert zu haben schien es aufzufinden. Jetzt erst fällt dem Besucher auf, dass das Grundstück sauber aufgeräumt ist. Kein Trümmerstück liegt herum, keine Haufen mit Mauerresten oder verkohlten Balken. Das Innere und die Umgebung der Ruine sind wie gekehrt. „Besenrein übergeben’, denkt der Besucher und erkennt nun, dass er daran hätte bemerken müssen, dass das Gebäude einen Eigentümer nicht nur hat, sondern auch einen eifersüchtigen Hüter und Bewohner, der es übel vermerkt, wenn man sein Grundstück betritt. Merkwürdig daran mag immerhin sein, dass sich der Besucher nun auch daran erinnert, dass während er das Grundstück und den Weg betreten hatte, der rechts an den Trümmern vorbei führte, eine Frau bemerkt hatte, die wenig nach ihm ebenfalls das Grundstück betreten hatte und sich an einem halb noch aufragenden Torbogen, der in die Trümmer des Gebäudes hinein führte an einem Signalgeber zu schaffen gemacht hatte, um dann in das Gebäude hinein vom Weg aus abzubiegen und endlich in einiger Entfernung auf einer Fläche, die nun wie eine Terrasse wirkte, während sie zuvor eine große Vorhalle gewesen sein mochte, nach rechts zwischen zwei klobigen quadratischen Säulen verschwand, die im Halbrelief auf der Fläche der Wand des unteren Stockwerkes, die noch stehen geblieben war.

Das ist in Kürze die Kultur Deutschlands im Verhältnis zu ihrem Subjekt. In der Schule konditioniert ihre Existenz for granted zu nehmen, von den schlau angebotenen Studiendesigns darin bestärkt, dass es sie gäbe, macht es, in statu nascendi, sich auf um sie und dabei such sich zu finden. Im Vorbeigehen findet es ein Trümmergrundstück mit einer riesigen Ruine. Kein Schild warnt vor dem Betreten des Grundstücks. Kein herum liegender Schutt hindert den Schritt des Neugierigen, der sich die Sache, weil sie so imponierend wirkt, einmal ansehen will. Niemand hindert ihn daran, diesen Gedanken auch auszuführen. Dann stellt er fest, dass sich jemand in der Ruine eingerichtet hat, der sie offenbar als sein Eigentum betrachten darf. Er wohnt in einer Nische in den Trümmern, wo er sich ein extravagantes Wohnmilieu leistet, das seiner exzentrischen Laune als Kulturschaffender entspricht. Wen er seinen Bedürfnissen entsprechend attraktiv findet, der darf das Grundstück wohl betreten. Neugierige sind indessen unerwünscht. Es handelt sich um Privatbesitz. Und der dennoch zufällig vorbei kommende neugierige Besucher wird höflich, aber unmissverständlich hinaus gebeten.

08.01.2004

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