Romantische Landschaft mit Menschenopfer

Romantische Landschaft mit Menschenopfer
Weißt Du wieviel Wolken gehen weithin über alle Welt...
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Montag, 2. Mai 2011

Der Mai

 

Kornblumen und Klatschmohn

„Komm', lieber Mai, und mache

Die Bäume wieder grün;

Und lasse doch am Bache

Die Veilchen wieder blüh'n....“

 

Kaum eine Frühlingsblüte habe ich gesehen in diesem Frühjahr. Eingesperrt zwischen diesen Wänden, an denen ich mich entlang taste, in dieser Wüste aus aufeinander getürmten Steinen, dürste ich nach dem Anblick einer in meiner Erinnerung versunkenen, verlorenen Landschaft, mit diesen sanften Hügeln, diesem lichten Baumbestand, diesen Feldern, die im Frühling zu grünen beginnen, unter einer leuchtenden Sonne, bevölkert von den Tieren des Feldes, dem Wiedehopf, dem Hasen, aus denen jubelnd die Lerchen aufsteigen bis in die Höhen dieser blauen Glocke des azurnen Himmels, in eine Unsichtbarkeit unbestimmter Ferne, aus dem ihr alles erfüllender ununterbrochener Gesang dringt, während Hummeln brummend vorbeifliegen auf der rastlosen Suche nach den Blüten, aus dem sie ihren Honig saugen können.

Am Morgen berichten die Agenten des Terrornetzwerkes auf allen Kanälen über den Stand ihrer endlosen Kriege und Kämpfe an der hin und her wogenden Front, sowie die Bilanz ihrer Siege und Niederlagen.

Der endlose Krieg gegen den Menschen, der unter dem Namen der Hochkultur und der 'freien Wirtschaft' globales Ausmaß angenommen hat und es darunter nicht mehr tut, geht überall weiter, in immer neue Runden. Sogleich verbindet sich mit der Verkündung des neuesten Sieges die Mitteilung, nun müssten alle Anstrengungen unternommen werden, um auf den alsbald zu erwartenden Gegenschlag des Gegners vorbereitet zu sein.

Die Anspannung aller Kräfte lässt keinen Augenblick der Ruhe mehr zu. Die Herde wird beschleunigt weiter getrieben, um sie den lauernden Nahrungskonkurrenten zu entziehen, den Störern des Friedens, den die Guten Hirten sich wünschen, um ihre erbeuteten Populationen ungestört zu genießen, vom Frühstück bis zum 'Abendbrot', in mundgerecht zubereiteten Happen.

Auf den Feldern gibt es keine Kornblumen mehr und auch keinen Klatschmohn, und die Wegwarte ist lange schon verdorrt. Am Bache blüht lange schon kein Veilchen mehr. Der Mai ist nur noch eine Reihe von Arbeitstagen in ihrer unterschiedslosen Folge im vierundzwanzig-Stunden-Takt. Die Bäume werden noch grün, aber es tröstet mich nicht mehr.

Die Vögel schweigen. Der Frühling ist stumm geworden. Kaum ein Insekt brummt an meinem Ohr vorbei. Das Leben hat längst begonnen sich von uns, der Pest des Planeten zurückzuziehen. Niemand bedenkt recht, dass, wenn er von der Umweltverschmutzung redet oder reden hört, sich bewusst zu machen hätte, dass er von sich spricht. „Bedenke, dass Du bist wovon Du reden hörst oder redest“, höre ich es mir zuflüstern, aber ach, da sind doch die Menschen, die ich liebe, an deren Dasein mir liegt, das ich gewollt und mit herbeigeführt habe. Habe ich mich da an einem Verbrechen gegen das Leben beteiligt, in dem Glauben, ich täte etwas Gutes, und nicht nur, was alle tun, mit mehr oder weniger bewusstem Willen und in Erfüllung ihres Auftrags, das Keimplasma zu repräsentieren und dessen blinden Willen?

Und es wird niemanden kümmern, wenn wir, diese Tiergattung, verschwinden. Sind wir nicht schon wie nie gewesen, Verschwender des uns mit gegebenen Potentials zur Menschwerdung, geknechtete Arbeitstiere, abgerichtete Halbautomaten eines schematisierten Alltags ohne Spielraum zum Leben, an deren Erhaltung nichts mehr liegt, da sie ihren historischen Zeitpunkt, den richtigen Augenblick verfehlt haben, den Moment vor dem Kopf des Hügels, auf dem wir bergan gingen, noch vor wenigen Jahrzehnten?

Ahead

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Vor uns liegt der Blick auf die endlose Ebene, die der Wüste vorgelagert ist, die zu der Abbruchkante führt, jenseits derer der Abgrund des unübersehbaren Canyons liegt. Es gibt Zeiten des Aufstiegs, in denen geboren zu sein mehr Glück verspricht als diese Aussicht auf das endlose braune Grasland, aus dem die satten Farben zu weichen begonnen haben, um sich der Öde des graubraun verschwimmenden Horizonts zu vermählen, unter einem Himmel, aus dem eine unbarmherzigere Sonne ihr gleißendes Licht über schattenlose Landschaften ausgießt, während die Hunde bellen und der Ruf der Schäfer und Hirten die dumpf brüllende Herde weiter treibt.

Wohl dem, der nun nicht mehr geboren wird.

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